Neue Ufer

Tiefblauschwarze Nacht. 360° Wasser. Vor einiger Zeit haben wir den Boden unter den Füssen verloren und wurden von einem merkwürdig reissenden Ausnahmezustand in fremde Gewässer gespült. Tage. Monate. Ganze Jahreszeiten lang sind wir darin geschwommen. Haben nach Luft gerungen, wurden gepackt und in die Tiefe gezogen, haben uns wieder befreit und mit aller Kraft vom Meeresgrund abgestossen. Haben uns alleine und gegenseitig über Wasser gehalten. Uns aus der nötigen Distanz Blicke zugeworfen, manchmal verunsichert und verurteilend, dann wieder liebevoll und aufbauend. Insgesamt wenig bis keine Orientierung. Auf komische Weise haben wir uns an das Leben als Schiffbrüchige gewöhnt. Nur Tanzen war schwierig….
Irgendjemand ruft aus weiter Ferne. Schreit er um Hilfe? Nein, viel zu viel Euphorie in der Stimme. Zuerst unverständlich, dann immer lauter und auf einmal stürmen die Worte glasklar in die Ohren: „NEUE UFER!“
Blick nach links, Blick nach rechts. Die schwimmenden Nachbarn hören es auch. Überraschende Erleichterung wäscht faltige Müdigkeit aus den Gesichtern. Es geht weiter! Kein Zurück zum normalen Normal, denn vorher war vorher aber jetzt kommt jetzt und jetzt wird gut! Das Wasser wird unruhig, die Wellen wachsen und tragen leuchtendes Plankton auf den Spitzen. Sie beginnen uns in unserer neuen Leichtigkeit zu tragen wie Treibholz, die Richtung unklar aber das Bauchgefühl warm. Wir drehen uns auf den Rücken, strecken Arme und Beine von uns und schauen in den Sternenhimmel. Plötzlich treffen unsere Rücken auf Sand. Wir laufen vorsichtig und neugierig über den Strand, mitten in den angrenzenden Urwald. Mit jedem Schritt mehr Laternen, wir folgen Lichterketten und erreichen schliesslich die Lichtung. Meterhohe Boxentürme, überwachsen von Kletterpflanzen. Sie entlassen einen heissen Sturm aus Klängen, der uns trocknet und unsere Atome vibrieren lässt. Wir kennen diesen Ort nicht, aber für ihn lassen wir gerne alles Altverstaubte zurück. Nur ein tiefer Atemzug und schon fühlen wir uns hier zuhause!